Öffnungszeiten

Mo

07:30 -

17:00

Di

07:30 -

17:00

Mi

07:30 -

17:00

Do

07:30 -

17:00

Fr

07:30 -

14:30

Sa

07:30 -

17:00

So

08:00 -

17:00

Öffnungszeiten mit freundlicher Genehmigung von

1 Bewertung für Jüdische Gemeinde zu Berlin

golocal User

grubmard

Es war eine Premiere: noch nie hatte ich bisher einen jüdischen Friedhof besucht, nur von außen in Prag und Berlin-Schönhauser Allee mal raufgeguckt. Nun bot sich die Gelegenheit, im Rahmen eines Spaz...
Es war eine Premiere: noch nie hatte ich bisher einen jüdischen Friedhof besucht, nur von außen in Prag und Berlin-Schönhauser Allee mal raufgeguckt. Nun bot sich die Gelegenheit, im Rahmen eines Spaziergangs mit ortskundiger Führung den Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee zu besuchen. Gut vorbereitet hatten wir die für Männer auf jüdischen Friedhöfen vorgeschriebene Kopfbedeckung dabei. Am Eingang können weniger gut vorbereitete Besucher Kippa’s ausleihen. Der Zugang zum Friedhof ist in der Herbert-Baum-Straße, wo man mit Glück als Autofahrer einen Parkplatz finden könnte. Gleich am Eingangsbereich befindet sich hinter dem Gedenkplatz für die Opfer des Holocaust die 1910 im Stil der Neorenaissance aus gelben Backsteinen errichtete und von Arkadengängen und weiteren Gebäuden flankierte Alte Trauerhalle. Es soll jetzt nicht despektierlich klingen, aber der Zugang zur Trauerhalle erinnert architektonisch ein wenig an die alten Berliner Bahnhöfe aus der damaligen Zeit. Dahinter schließt sich dann der eigentliche, 1880 gegründete Friedhof der Jüdischen Gemeinde zu Berlin an. Damals lag Weißensee vor den Toren Berlins in der Provinz Brandenburg. Seit der Eingemeindung nach Berlin 1920 ist es ein innerstädtischer Friedhof und es ist mit ca. 116.000 Grabstellen der größte jüdische Friedhof Europas. Die Friedhofsmauer ist 2785 m lang. Der Friedhof ist in 120, meist von alten Bäumen bestandenen Grabfelder eingeteilt. Unter den Grabmälern stechen natürlich die Grabanlagen und Mausoleen der großbürgerlichen Berliner Juden hervor, die z.B. als Unternehmer großen Einfluß auf die Entwicklung von Berlin zur Weltstadt am Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts hatten. Nach dem 1. Weltkrieg wurde auf dem Friedhof eine Kriegsgräberstätte für im Krieg gefallene jüdisch-deutsche Soldaten angelegt. Selbst in der Nazizeit blieb der Friedhof erhalten und für Beisetzungen von jüdischen Berlinern offen, soweit diese nicht deportiert und in Vernichtungslagern der Nazis ermordet wurden. Über 1900 Juden, die sich in der Nazizeit aus Angst vor Verfolgung und Deportation das Leben nahmen, sind in Weißensee beigesetzt. Außerdem gibt es ein Grabfeld mit der Asche von fast 1000 in KZ’s ermordeten Juden. In der Neuen Trauerhalle versteckte nach der Reichskristallnacht die jüdische Gemeinde fast 600 Thorarollen. Der 2. Weltkrieg verschonte den Friedhof nicht. Mehrfach wurde das Gelände bei Bombenangriffen der Alliierten getroffen, die Neue Trauerhalle, die Friedhofsgärtnerei und 4000 Grabstellen zerstört. Auch die versteckten Thorarollen wurden in Mitleidenschaft gezogen. 90 schwer beschädigte Rollen wurden in einem symbolischen Grab nahe des Haupteingangs bestattet. Die erhaltenen Thorarollen wurden nach dem Krieg an andere jüdische Gemeinden übergeben. Der Friedhof diente illegal in der Stadt lebenden bzw. von Deportation bedrohten Juden als Versteck. Für die Fortführung der Kniprodestraße mußte die jüdische Gemeinde einen Geländestreifen freihalten. Zum Straßenbau kam es bis 1945 aber nicht. Stattdessen wurden hier anonyme Beisetzung von Illegalen durchgeführt. Die genaue Zahl dieser Toten ist nicht dokumentiert. Durch die Judenverfolgung der Nazis hatte die jüdische Gemeinde in Berlin praktisch aufgehört zu existieren. Nur eine kleine Anzahl jüdischer Berliner hatte die Nazizeit überlebt. Noch dazu spaltete sich die Gemeinde wie die Stadt in eine kleine Ost-Berliner und in eine West-Berliner Gemeinde, die sich in an der Heerstraße einen eigenen Friedhof anlegte. Der Ost-Berliner Gemeinde fehlte es an Geld und Leuten, um den Friedhof Weißensee zu pflegen. Zwar wurden weiterhin Beisetzungen durchgeführt, aber der größte Teil des Friedhofs verfiel in einen Dornröschenschlaf und verwilderte völlig. Staatliche Stellen der DDR zeigten wenig Interesse an dem Begräbnisort. Erst 1977 wurde der Friedhof durch den (Ost-)Berliner Magistrat als kunstgeschichtliches Denkmal anerkannt und die Stadtverwaltung begann mit einer schrittweisen Wiederherstellung und Sanierung. Diese Arbeiten wurden nach der Wiedervereinigung verstärkt fortgesetzt und sind bis heute nicht abgeschlossen. Nach 1980 wollte die DDR die alten Pläne zur Verlängerung der Kniprodestraße wieder aufnehmen. Da man um die Existenz der anonymen Grabstellen auf dem freigehaltenen Geländestreifen wußte und außerdem den Friedhof nicht zerschneiden wollte, plante man zunächst eine Hochstraße. Nach jüdischem Verständnis sind Grabstellen aber geheiligte Erde bis zum Jüngsten Gericht. Heinz Galinski, damals Vorsitzender der West-Berliner jüdischen Gemeinde, setzte sich bei DDR-Staatschef Erich Honecker gegen den Bau der Hochstraße ein – und er hatte Erfolg. Honecker ließ den Straßenbau stoppen, obwohl das Projekt hohe Priorität in der Verkehrsplanung für die Neubaugebiete der Stadt hatte. Heute wird der Geländestreifen für neue Beisetzungen genutzt. Ist nun ein jüdischer Friedhof anders als christliche oder städtische Friedhöfe? Ein bisschen schon. Da ist zunächst eine ganz andere Symbolik. Statt Kreuzen, betenden Händen oder Engeln findet man hier Davidsterne und andere jüdische Symbole auf den Grabmalen. Die Grabmale selbst tragen deutsche oder hebräische oder gemischte Inschriften. Bei den neuen Gräbern verweisen auch kyrillische Inschriften auf die Herkunft der Beigesetzten als Migranten. Bei einigen Gräbern wurde durch überlebende Angehörige später im Andenken an die von den Nazis ermordeten Verwandten Gedenkinschriften hinzugefügt: z.B. „verblieben in Auschwitz“ oder „ermordet in Auschwitz“ …. Berührt hat mich ein Familiengrab, wo eine Inschrift einem im 1. Weltkrieg fürs Vaterland gefallenen Träger des Eisernen Kreuzes gewidmet ist. Darunter wird auf der gleichen Inschriftentafel einem vom gleichen Vaterland 25 Jahre später im KZ ermordeten Angehörigem gedacht. Bei einigen Mausoleen mußte ich googeln, um hinter den Sinn der blauen Fenster zukommen: die blaue Farbe (eigentlich indigo) soll an den Himmel und Gott im Himmel erinnern (siehe wikipedia: „Symbole des Judentums“). Viele Erbbegräbnisse erinnern in Form und Größe an die groß- und gutbürgerlichen Erbbegräbnisse auf anderen Berliner Friedhöfen. Ornamente und gestalterische Elemente entsprechen dem jüdischen Glauben. Die kleineren Grabmale sind normale Grabsteine, kleine Obelisken oder Säulen. Ein optisch hervorstechendes Grabmal ist das gußeiserne Gemeinschaftsgrab der Familien Netter und Lewinsohn. Dahinter verbirgt sich eine tragische Geschichte: 1893 starben die jungen Ehefrauen (die eine 21 Jahre, die andere 25 Jahre alt) von Carl Leopold Netter und seinem Schwager Jacob Lewinsohn nach dem Genuss verdorbener Austern. Die beiden Ehemänner beschlossen, ihre Frauen in einem gemeinsamen Grab zu bestatten. Da lebende Blumen auf jüdischen Friedhofen verboten waren, wählte man florale, bemalte und vergoldete eiserne Blumenmotive als Dekoration für die Grabanlage. Soweit ich gesehen habe, ist diese Form der Grabgestaltung die Einzige, die sich so in Weißensee erhalten hat bzw. restauriert wurde. Eine weitere Besonderheit auf jüdischen Friedhof besteht darin, daß die Toten ewiges Ruherecht bis zum Jüngsten Gericht haben. Grabstellen habe keine Liegefrist und werden nicht neubelegt. Des weiteren ist es bei Juden unüblich, Gräber mit Blumen zu schmücken. Stattdessen wurden und werden auf Gräbern oder Grabmalen kleine Steine als Zeichen des Totengedenkens gelegt. Gräber einiger verdienstvoller Mitglieder der jüdischen Gemeinde tragen ein kleines Schild „Ewige Pflege“. Die Mehrzahl der Grabstellen bleibt aber der Natur überlassen. Man hält den Pflanzenbewuchs allerdings niedrig, damit die Grabstellen nicht wieder völlig zuwachsen. Daher macht der Friedhof in weiten Teilen einen wild-romantischen und verwunschenen, fast mystischen Eindruck. Auch bedeutende jüdische Berliner haben hier ihre letzte Ruhe gefunden. Gleich hinter der Trauerhalle findet man das Ehrengrab der Stadt Berlin für den jüdisch-deutschen kommunistischen Widerstandskämpfer Herbert Baum, der 1942 mit seiner Widerstandsgruppe einen Brandanschlag auf die NS-Propaganda-Ausstellung „Das Sowjetparadies“ verübte, danach verhaftet wurde und wenig später in Gestapo-Haft verstarb. Weitere beigesetzte prominente Mitglieder der jüdischen Gemeinde Berlins sind ua. Heinz Schenk (+1971, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde), Sigmund Aschrott (+1915, Industrieller), Stefan Heym (+2001, Schriftsteller), Adolf Jandorf (+1932, Gründer des KaDeWe), Paul Hirsch (+1940, Ministerpräsident des Freistaates Preußen), Samuel Fischer (+1934, Gründer des S.Fischer-Verlags) – um nur einige zu nennen. Auch Richard Friedländer, der Stiefvater von Magda Goebbels (Ehefrau von Joseph Goebbels) wurde nach seinem Tod hier beigesetzt. Das seine Adoptivtochter zu den höchsten NS-Kreisen gehörte, nutzte Friedländer nichts. Er starb 1939 im KZ Buchenwald. Fazit: Herausragender Ort der Stadt-, Kultur- und Zeitgeschichte und des jüdischen Lebens in Berlin. Zugleich eine Insel der Natur und der Ruhe in der hektischen Stadt.
Bewertung auf golocal.de von grubmard am Fr 09.09.2016 Bewertung von golocal lesen Problem melden

Die Bewertungen wurden bereitgestellt von golocal

Jüdische Gemeinde zu Berlin

Wie viele Sterne möchten Sie vergeben?


Welche Erfahrungen hatten Sie dort?

In Zusammenarbeit mit

Bilder von Nutzern

Jüdische Gemeinde zu Berlin in Berlin ist in der Branche Jüdische Gemeinden tätig.

Info: Bei diesem Eintrag handelt es sich nicht um ein Angebot von Jüdische Gemeinde zu Berlin, sondern um von goyellow.de bereitgestellte Informationen.