Chatroulette, das ist sicher einer der bemerkenswertesten oder zumindest skurrilsten Newcomer unter den Webseiten des letztes Jahres und eine ebenso einfache wie unterhaltsame Idee für die amüsante Abendunterhaltung. Per Webcam und Tastendruck werden User aus aller Welt per Zufall miteinander zum Zweck des Chats verbunden – eine Art Speeddating im Internet, nur noch rasanter, weil man unliebsame Gesprächspartner einfach wegdrücken kann. Verbringt man einige Stunden auf Chatroulette wirft man kurze, staunende Blicke in hunderte kurz aufleuchtende Zimmer, ein schillerndes Panoptikum menschlicher Behausungen und Leben. Nach dem kometenhaften Aufstieg der Internetplattform Chatroulette ist die Seite allerdings inzwischen schon wieder kurz vor dem Verglühen, wenn sich Gründer Andrej Ternowskij nicht etwas einfallen läßt. Denn anders als im Casino, wo Mann nur mit Anzug und Krawatte eingelassen wird, scheint es auf Chatroulette eher darum zu gehen, Kleider und Zwänge abzulegen und sich im hautfarbenen Naturlook zu präsentieren. Um dem Problem der freizügigen Entblätterung Herr zu werden, haben sich die Seitenbetreiber auch schon ein paar Gedanken gemacht: wo Facebook demnächst eine Gesichtserkennung anbietet, will Chatroulette in Zukunft das erkennen und ausblenden, was Männer offenbar mit großer Begeisterung aus der Hose zücken. Die Seite will ihr Image als schmuddelige Exhibitionistenplattform loswerden und eine Peniserkennung einbauen. Das ist jedoch nicht das einzige Problem, mit dem die Seite zu kämpfen hat. Denn die zunächst vermutete Anonymität, hinter der man sich verstecken kann und die gerade Voraussetzung nicht nur für die unerwünschte Freikörperkultur der Teilnehmer, sondern auch für zahlreiche alberne, verrückte und mutige Auftritte ist, ist natürlich eine trügerische. Längst kursieren auf Blogs und bei Youtube die besten Mitschnitte der Chats, Auftritte von zweifelsohne alkoholisierten Frauen bei ekstatischen Derwischtänzen, Männer in Frauenklamotten und getigerten Catsuits, chromatisch jaulende Gesangstalente. Der Fantasie der Teilnehmer sind scheinbar keine Grenzen gesetzt. Womit der bärtige Jurastudent wohl eher nicht gerechnet haben dürfte, als er sich mit den Strapsen und Highheels seiner Freundin vor den Computer gesetzt hat um dort laut und falsch “Dancing Queen” zu singen war, dass er am nächsten Tag eines der meistgeklickten Videos auf Youtube sein würde. Die wirklich guten Ideen haben mittlerweile Kultstatus erreicht, so wie die hübsche, junge Frau, die zunächst vor ihren männlichen Chatpartnern anfängt, mit devot gesenktem Kopf ihr Oberteil aufzuknöpfen um dann plötzlich den Kopf zu heben und mit wild verdrehten, blutenden Augen in einen Anfall satanischer Besessenheit zu verfallen. Dank dieser selbstironischen und subversiven Acts bleibt die Seite ein Kuriositätenkabinett schriller Einfälle und hoher Performancekunst. Es ist zu hoffen, dass solche Stunts den nervtötenden Blitzern die Lust an ihren pubertären Posen austreiben und für nachhaltige Verstörung unter der Gürtellinie sorgen.
© Herbert Käfer / www.pixelio.de


