Langsam tauen die Eiszapfen an unseren Nasen und wir bewegen die noch klammen Finger an die Maus, um durch ein paar Reiseseiten zu klicken. Immer auf der Suche nach einer einsamen, unentdeckten Insel mit All-inklusive-Drinks. Selbstverständlich wollen wir uns nicht mit den Pauschaltouristen gemein machen und fein säuberlich aufgereiht an endlosen Sandstränden liegen, von den anderen Urlaubern aus Köln, Bottrop und Leipzig nur durch die wechselnden Farben der Hotelliegestühle und Sonnenschirme unterschieden. Wir wollen individuell reisen, außergewöhnliche Begegnungen mit den Einheimischen, eine grünliche Spezialität aus den grindigen Fingern eines greisen Ziegenhirten kosten, bei der es sich möglicherweise um Käse handelt, was wir aber nie erfahren werden, weil wir gerade mal einen Kaffee oder ein Bier in den Fremdsprache bestellen können, den zahnlos vernuschelten Dialekt des Alten aber sicher nicht verstehen. Wir wollen nicht in den als besonders urtümlich beschriebenen Lokalen der Stadt immer wieder nur auf andere Urlauber mit Guide Routard und Michelinführern in der Hand treffen. Leider müssen wir feststellen, dass wir uns wirklich individuellen Urlaub, das einsame Viersternebungalow am Strand mit Sonnenuntergangsdinner in der Sahara und privater Führung durch den Mayatempel beim besten Willen nicht leisten können, darum bleibt für uns nur eine andere Option: Couchsurfing. Dieses Wort ist für einige schon Grund genug, schreiend in den Wald zu rennen. Alle, die jetzt noch weiterlesen, wissen entweder nicht, worum es sich dabei handelt oder sind ganz harte Knochen. Die Privatsphäre für eine orbitale Luftschicht oberhalb der Stratosphäre halten. Die an allem auch das Positive sehen. Die am grobkörnigen Sediment aus Fußnägeln, Dreck, Haaren und Sand am Boden der fremden Dusche die praktische Möglichkeit zum Hornhautpeeling zu schätzen wissen. Die beim Schlafen auf dem Fußboden den Vorzug sehen, das interessante und viel zu selten beachtete aber faszinierende Leben von Silberfischen, Geißeltierchen und Wanzen ausgiebig studieren zu können. Die in fremden Kühlschränken Dinge entdecken, die Joseph Beuys für viel Geld an Museen verkauft hat oder die ein bedeutendes Kapitel der Medizingeschichte, die Entdeckung des Penicillins nachstellen. Auf der anderen Seite: In einer Zeit, in der wir nicht mehr von unseren Erlebnissen in den großen Weltkriegen oder wenigstens der Nachkriegszeit erzählen können, haben wir dank des Couchsurfings nun doch ein Schlachtfeld entdeckt, von dem wir unseren Enkeln später erzählen können. Liest man auf Couchsurfing die Personenbeschreibungen und Leitgedanken in den Profilen, fühlt man sich vermutlich ein wenig wie einst Alexander von Humbold vor dem Aufbruch in den südamerikanischen Dschungel auf dem Orinoco, in den Ohren die befremdlichen Schreie exotischer Vögel. So schreibt ein Couchanbieter über sich selbst: “Na gut, ich bin zu fett und sehe etwas seltsam aus mit meinem langen Bart und meinen noch längeren Haaren. Aber ihr könnt sicher sein, dass ihr bei mir viel Spaß haben werdet!” Andere weisen unverhohlen darauf hin, dass sie Couchsurfing als praktische Möglichkeit sehen, Frauen, auch zum Heiraten kennenzulernen ohne das haus zu verlassen und teure Drinks zu spendieren. Vermutlich muß man hier dankbar sein, wenn diese Gastgeber einem nicht schon nackt die Tür öffnen….Andererseits: Wirft man einen Blick auf die stetig wachsende Teilnehmerzahl, die allein in Deutschland schon an der Hundertausendermarke kratzt, dann scheinen die Erfahrungen mit dieser Art des Reisens nicht rein erschreckend zu sein. Und es stellt sich die Frage, ob ein Urlaub in Botswana, Eritrea und Tonga dem Normalsterblichen überhaupt möglich wäre, gäbe es nicht eine Couch irgendwo im Busch, im Mangrovenwald, in der Wüste…..
© Dirtypaper / www.sxc.hu/photo/108911Couchsurfing – Urlaub für Unerschrockene
Chatroulette – Rien ne va plus?
Chatroulette, das ist sicher einer der bemerkenswertesten oder zumindest skurrilsten Newcomer unter den Webseiten des letztes Jahres und eine ebenso einfache wie unterhaltsame Idee für die amüsante Abendunterhaltung. Per Webcam und Tastendruck werden User aus aller Welt per Zufall miteinander zum Zweck des Chats verbunden – eine Art Speeddating im Internet, nur noch rasanter, weil man unliebsame Gesprächspartner einfach wegdrücken kann. Verbringt man einige Stunden auf Chatroulette wirft man kurze, staunende Blicke in hunderte kurz aufleuchtende Zimmer, ein schillerndes Panoptikum menschlicher Behausungen und Leben. Nach dem kometenhaften Aufstieg der Internetplattform Chatroulette ist die Seite allerdings inzwischen schon wieder kurz vor dem Verglühen, wenn sich Gründer Andrej Ternowskij nicht etwas einfallen läßt. Denn anders als im Casino, wo Mann nur mit Anzug und Krawatte eingelassen wird, scheint es auf Chatroulette eher darum zu gehen, Kleider und Zwänge abzulegen und sich im hautfarbenen Naturlook zu präsentieren. Um dem Problem der freizügigen Entblätterung Herr zu werden, haben sich die Seitenbetreiber auch schon ein paar Gedanken gemacht: wo Facebook demnächst eine Gesichtserkennung anbietet, will Chatroulette in Zukunft das erkennen und ausblenden, was Männer offenbar mit großer Begeisterung aus der Hose zücken. Die Seite will ihr Image als schmuddelige Exhibitionistenplattform loswerden und eine Peniserkennung einbauen. Das ist jedoch nicht das einzige Problem, mit dem die Seite zu kämpfen hat. Denn die zunächst vermutete Anonymität, hinter der man sich verstecken kann und die gerade Voraussetzung nicht nur für die unerwünschte Freikörperkultur der Teilnehmer, sondern auch für zahlreiche alberne, verrückte und mutige Auftritte ist, ist natürlich eine trügerische. Längst kursieren auf Blogs und bei Youtube die besten Mitschnitte der Chats, Auftritte von zweifelsohne alkoholisierten Frauen bei ekstatischen Derwischtänzen, Männer in Frauenklamotten und getigerten Catsuits, chromatisch jaulende Gesangstalente. Der Fantasie der Teilnehmer sind scheinbar keine Grenzen gesetzt. Womit der bärtige Jurastudent wohl eher nicht gerechnet haben dürfte, als er sich mit den Strapsen und Highheels seiner Freundin vor den Computer gesetzt hat um dort laut und falsch “Dancing Queen” zu singen war, dass er am nächsten Tag eines der meistgeklickten Videos auf Youtube sein würde. Die wirklich guten Ideen haben mittlerweile Kultstatus erreicht, so wie die hübsche, junge Frau, die zunächst vor ihren männlichen Chatpartnern anfängt, mit devot gesenktem Kopf ihr Oberteil aufzuknöpfen um dann plötzlich den Kopf zu heben und mit wild verdrehten, blutenden Augen in einen Anfall satanischer Besessenheit zu verfallen. Dank dieser selbstironischen und subversiven Acts bleibt die Seite ein Kuriositätenkabinett schriller Einfälle und hoher Performancekunst. Es ist zu hoffen, dass solche Stunts den nervtötenden Blitzern die Lust an ihren pubertären Posen austreiben und für nachhaltige Verstörung unter der Gürtellinie sorgen.
© Herbert Käfer / www.pixelio.deWebcams are watching you
Während die Einführung von Google Streetview bei vielen Bürgern empörte Schnappatmung auslöste und die ohnehin schon blubbernde Debatte zum Datenschutz weiter hochkochen ließ, erregt sich komischerweise kein Mensch über die überall aufgehängten Webcams, die besonders in den Großstädten munter alles beobachten, was im Blickfeld ihrer ungetrübten Linse geschieht. Vermutlich ist den wenigsten bewußt, dass sie mittlerweile auf Schritt und Tritt von tausend Augen beobachtet werden, denn die Kameras hängen meist klein und unauffällig an Häuserecken und über Ladentheken. Die meisten zeichnen die Aufnahmen nicht auf, sondern senden lediglich minütlich aktualisierte Standbilder oder einen Lifestream in Echtzeit. Dennoch wären wir vermutlich überrascht, wenn wir wüßten, in wievielen Geschäften unser Einkauf oder unser vergeblicher Einparkversuch überall auf der Welt im Web zu sehen ist…Viele Webcams zeigen uns nützliche Einsichten, z.B. die Schneeverhältnisse in unserem Lieblingsskigebiet, andere bedienen unsere eskapistischen Wünsche und zeigen den Sonnenaufgang auf den niederländischen Antillen. Sehr beliebt sind auch Kameras, die das Balz- und Brutverhalten von Mensch und Tier beobachten. Erotikwebcams erfreuen sich ähnlicher Beliebtheit wie die Linsen, die auf Storchennester, Hühnerställe oder Echsenterrarien gerichtet sind. Webcamgalore bietet aktuell die umfassendste Sammlung von Webcams, sortierbar nach Themen wie Tiere, Traumstrände, Wahrzeichen, Schlösser und Skylines. Hier haben wir eine kleine Liste mit den Top-Webcams für jede Laune und Lebenslage gesammelt:
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Stayalive – Das Leben der Untoten
Kauft man heute eine Grabstätte auf einem christlichen Friedhof, dann schließt man eine Belegung des Grabes immer für eine bestimmte Zeitspanne ab. Nach Ablauf dieser Zeit wird das Grab eingeebnet und neu belegt. Oft kümmert sich schon vor dieser Frist keiner mehr um das Grab, Unkraut schießt am Grabstein vorbei, der Efeu überwuchtert die Namen, im Grablicht wohnt eine Kröte. Das ist im Netz anders. Dort gibt es jetzt eine Art Facebook für die Toten. Auf stayalive kann man Bilder des Verstorbenen hochladen, Videos, Dokumente, einen Stammbaum und aufgemerkt: sogar Rezepte. Auf den Bildern sieht man den Toten als Schulkind, seine Frau mit dem ersten Baby im Arm, ein Urlaubsvideo mit seinen Freunden, wo er, bereits mit Wohlstandsbauch und Sonnenbrand, jungen Frauen im Bikini hinterherstarrt. Außerdem erfährt man, wie der Verblichene Rindsrouladen zubereitet hat und dass er sein Abitur einst mit der Note 3,4 gemacht hat. Wer gedacht hatte, dass es, wenn schon nicht im Diesseits, dann doch im Tod ein Entrinnen aus der Omnipräsenz und Allwissenheit des Internets gibt, hat sich geschnitten. Und anders, als zu Lebzeiten, wo man zumindest noch versuchen kann, Herr seiner Daten zu bleiben und ein Wörtchen bei deren Verbreitung mitreden zu können, muß man als Toter stillschweigend zusehen, wie die peinlichen Bilder von Onkel Walters Fünfzigstem, wo man mit roter Nase und kahlem Kopf Schaps aus einem Damenschuh trinkt, plötzlich für alle Welt sichtbar werden. Hier gibt es keinen Datenschutz für die Toten und keine Institution wird sich um seine Würde sorgen. Kaum unter der Erde darf plötzlich alles über ihn veröffentlicht werden, was er vielleicht zu Lebzeiten in Schuhschachteln im Keller aus gutem Grund verborgen hat und nur im trauten Kreise der Familie bekannt war. Bucht der Hinterbliebende die virtuelle Gruft sogar für schlanke 500 €, dann erhält man einen gläsernen Schrein bis in alle Ewigkeit. Bei stayalive dreht sich plötzlich die klassische Situation um, die wir aus dutzenden Schauergeschichten und Gruselfilmen kennen. Hier geht die unheimliche Bedrohung nicht von den umherspukenden Untoten aus, die halb vermodert plötzlich aus dem Sumpf auftauchen und die Lebenden nachts in ihren Betten heimsuchen. Hier werden die Toten von den Lebenden aus der wohlverdienten ewigen Ruhe wieder aufgescheucht. Liest man den Namen des Netzwerks jetzt noch einmal, klingt er fast wie ein Drohung.
© William Veder / www.pixelio.deModerne Schatzsuche – Geocaching
Während man früher eine eigene Schaluppe und eine bröselige Karte brauchte, für deren Eroberung man meist schon im Vorfeld ein Bein oder ein Auge eingebüßt hatte, um dann einen Schatz zu heben, genügt heute ein einfaches GPS-Gerät – und schon kann man sich auf die Suche nach dem Nibelungengold machen. Zwar erweist sich auch in der Gegenwart so mancher Hort nicht als eisenbeschlagene Truhe voller Penunzen, sondern als Marmeladenglas mit einem Sammelsurium aus Ratzefummeln, Kaugummis und Glasperlen – aber die Faszination der Schatzsuche, die heute Geocaching heißt, bleibt ungebrochen. So sieht man als Eingeweihter immer wieder Menschen mit fiebrigem Blick durch kahle Landstriche stolpern, mit zerstochenen Beinen und Kletten im Haar im Wurzelwerk wühlen bis sie endlich ein kleines Kistchen in den dornenzerkratzen Händen halten und mit zitternden Händen einen Einweckgummi herausfingern. Auch in den Städten beobachtet man die Schatzjäger immer öfter, wie sie mit scheuen Blicken über die Schulter Kirchensimse und Erker abtasten und kaum ihr Triumphgeheul unterdrücken können, wenn sie plötzlich ein kleines Plastiktütchen erspüren. Geschätzt schlagen sich deutschlandweit über 25.000 Schatzjäger regelmäßig in die Büsche.
© Harry Hautumm / www.pixelio.deTunatic und Shazam – die Notenschlüssel für PC und Smartphone
Jeder kennt die Situation – man sitzt im Auto, aus dem Radio dudelt zum zehnten Mal am Tag die aktuelle Nummer 1 der Singlecharts, die Ohren krümmen sich gepeinigt, der Finger drückt tourettehaft auf den Sendersuchlauf, dann plötzlich eine ungeahnt schöne Harmonie, ein neuer Song, noch nie gehört, cremt sich geschmeidig in die Ohrmuschel. Fatalerweise plappert der hyperaktive Moderator in die letzten Takte irgendwas unheimlich Gutgelauntes, verrät aber nicht den Titel dieses Songs. Für dieses Problem gibt es eine elegante Lösung: Wer ein Smartphone nutzt, kann sich die kostenlose App Shazam herunterladen, mit der man unbekannte Songs identifizieren kann. Shazam greift dabei auf eine Datenbank mit über 8 Millionen Songs zurück, die bis in die 50`er jahre zurückreichen. Die App funktioniert sogar unter erschwerten Bedingungen wie Baustellenlärm und Geschirrgeklapper. Etwas Ähnliches gibt es auch für den PC : die kostenlose Software Tunatic, die Musiktitel erkennt, wenn man sie abspielt. Gerade für selbstgebrannte CDs ohne Titel hilfreich.
© virsh / www.sxc.hu/photo/655660Nagerglück
Aus unserer Rubrik bizarre Berufe und gewiefte Geschäftsideen: Sollten Sie eines morgens aus dem Fenster in Ihren idyllischen Garten blicken und statt des Rosenhains und der blühenden Apfelbäume einen großen Haufen Gestrüpp und Äste entdecken, dann haben Sie entweder schwierige Nachbarn oder einen Biber im Blumenbeet sitzen. Sehr zur Freude der Naturschützer ist dieser scheue Nager wieder auf dem Vormarsch und zerlegt dabei ohne Rücksicht auf das empfindsame Gärtnergemüt alles, was ihm zwischen die Zähne kommt. Um zu verhindern, dass aufgebrachte Primelzüchter aus dem mopsigen Pelzträger kleidsame Wintermäntel machen, gibt es nun in jedem Bundesland einen Biberbeauftragten des Bund Naturschutz. Zum Glück für die putzigen Vandalen.
© bjearwicke / www.sxc.hu/photo/1021876Auf die Spitze getrieben
Nein, der Mann, der diese Miniaturen schnitzt, sitzt nicht gerade eine mehrjährige Haftstrafe ab und weil er nicht so der Gewichthebertyp ist, muß sich irgendwie anders beschäftigen…wie Dalton Ghetti auf die Idee gekommen ist, aus den Minen von Bleistiften Skulpturen zu schnitzen, kann man nur ahnen. Vielleicht hat er sich einfach über diese miserablen Spitzer geärgert, bei denen die Mine immer abbricht, wenn der Stift gerade spitz genug erschien. Oder er ist einfach keiner dieser größenwahnsinnigen Künstler, die die Plätze vor Regierungsgebäuden und Museen mit ebenso gigantischen wie unförmigen Skulpturen verunstalten….
© Claudia Hautumm / www.pixelio.deTrends: Tod schick
Das hier ist kein schlechter Scherz, sondern eine gute Idee! Von wegen „Im Tod sind wir alle gleich“! Der Bund deutscher Friedhofsgärtner beweist, dass Trauerkultur nicht todernst sein muß. Statt drei welkende Stiefmütterchen einzubuddeln lassen sie dem passionierten Angler einen Goldfischteich über dem Sargdeckel einlaufen, die Punkrockgöre liegt unter einem Irokesen aus Rosen und der Metzger bekommt ein Beet mit fleischfressenden Pflanzen. Todschick! http://www.es-lebe-der-friedhof.de
© Christine Schmidt / www.pixelio.de










